ruhigere Wasser

Einer Therapie liegt eine Diagnose zugrunde. Wir fühlen uns krankheitswertig ge- oder verstört und suchen Unterstützung von außen, denn alleine kommen wir nicht weiter. Dies betrifft sowohl körperliche als auch psychische Störungen und/oder Verletzungen. Ziel ist gesund zu werden - mindestens aber weniger krank. Soweit die gängige Krankheits- und Gesundheitsauffassung.

Mein Verständnis von Gesundheit lässt sich gut am Bild einer Flussfahrt erklären. Es gilt, immer wieder neu auszuloten, zu entscheiden und zu steuern, ob die Reise eher durch die Mitte geht, entlang seichteren Stellen oder durchs Wildwasser. Gesund ist, wer sich selbst gut in diese Selbststeuerungskraft hineinleben kann. Dabei gibt es Schwankungen. Keine statischen Phasen. Niemand kann absolut still auf einem Fluss stehen bleiben. Selbst am festen Ufer ist das Stehen ein Balanceakt, wie man sehr deutlich sehen kann, wenn Kinder das Stehen lernen. Insofern gibt es meines Erachtens nie hundertprozentige Gesundheit oder Krankheit sondern immer einen aktuellen Zustand in dem beides zu unterschiedlichen Anteilen vorhanden ist.

Wer in einer Therapie Hilfe sucht, sieht sich allerdings meist in so unruhigen Zeiten, dass ein Leben weder am Fluß noch am Ufer möglich scheint. Es wird alle Kraft gebraucht, um überhaupt auf dem Floß und in Bewegung zu bleiben. Manchmal entsteht der Eindruck, man müsse sogar den Fluss noch anschieben... doch würde man sich ausruhen, würden einen die Fluten überschlagen. 

In einer Therapie schauen wir deshalb, was dazu verhilft, sich wieder (mehr) selbst steuern zu können. Wo gibt es was, das uns so trudeln lässt? Wie kann es gelingen, auf dem Floß zu bleiben? Irgendwann die Fahrt sogar zu genießen? Ohne Angst darüber, was aus der Tiefe, von den Seiten oder nach der nächsten Biegung kommt. Und wenn es nicht ohne Angst geht, wie kann man lernen, mit ihr umzugehen? Wie kann man in der Angst Hoffnung ausbauen? Wie Vertrauen? Wie kann ich auf mich selbst vertrauen? Welche Hilfsmittel gibt es hierfür und welche Ruheorte... Solchen Fragen gehen wir nach, mit verschiedenen Methoden, angepasst an Sie, an das was möglich ist und was nötig ist.

Ob eine krankheitswertige Störung vorliegt, klären wir in den ersten Gesprächen, selbst dann, wenn schon eine Diagnose vorliegt. Sie ist hilfreich, ersetzt aber nicht den eigenen und aktuellen Eindruck. Auch die Grenzen zwischen Krankheit und Krise sind fließend - um im Bild zu bleiben. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass die Selbsteinschätzungen und auch Diagnosen eher in Richtung Krankheit tendieren als umgekehrt. Ein erster Schritt kann dann schon die leichtere Kategorisierung sein.